Kaum eine Branche hat auf Social Media so gute Karten wie die Tiermedizin: Tiere sind der Content, den Instagram und TikTok lieben. Ein verschlafener Kater im Aufwachraum, ein Welpe beim ersten Impftermin – solche Momente erreichen ohne Werbebudget Tausende Menschen.
Gleichzeitig gilt für Tierärztinnen und Tierärzte nicht dasselbe wie für private Tier-Accounts: Tierärztekammer, Arzneimittelrecht und Datenschutz setzen klare Grenzen. Dieser Artikel zeigt, was auf Instagram und TikTok erlaubt ist, wo Vorsicht geboten ist – und welche Inhalte bei Tierhalterinnen und Tierhaltern wirklich ankommen.
Warum sich Social Media für Tierarztpraxen lohnt
Ein gepflegter Social-Media-Auftritt zahlt gleich mehrfach auf die Praxis ein:
- Vertrauen aufbauen: Die Entscheidung für eine Tierarztpraxis ist Vertrauenssache – und Vertrauen entsteht heute oft schon vor dem ersten Besuch am Smartphone. Wer regelmäßig Einblicke in den Praxisalltag gibt, nimmt Tierhaltern die Hemmschwelle.
- Neue Kunden gewinnen: Eine Praxis, die regelmäßig postet, bleibt präsent – und wird beim nächsten „Wer kennt einen guten Tierarzt?“ in der Nachbarschaftsgruppe wie von selbst empfohlen.
- Als Arbeitgeber sichtbar werden: In Zeiten des Fachkräftemangels in der Tiermedizin ist ein sympathischer Auftritt oft das beste Recruiting-Instrument – Bewerbungen kommen nicht selten über Instagram statt über die Jobbörse.
- Aufklärung leisten: Wer über Giftköder, Hitzegefahr im Auto oder Zeckenschutz informiert, leistet gelebten Tierschutz – ein Beitrag, der weit über Marketing hinausgeht.
- Effizientes Marketingbudget: Anders als klassische Werbung, die mit jeder Schaltung neu bezahlt wird, baut Social Media dauerhaft Sichtbarkeit und eine eigene Community auf – jeder Beitrag zahlt langfristig auf die Praxis ein.
Das Potenzial ist enorm: Laut der aktuellen Heimtierstudie lebt in fast jedem zweiten österreichischen Haushalt ein Tier – über zwei Millionen Katzen und rund 836.000 Hunde warten mit ihren Menschen auf Inhalte, die sie betreffen.
Instagram oder TikTok – wo lohnt sich der Einstieg?
Ein Blick auf die Nutzerzahlen zeigt, wie viele Menschen in Österreich über die beiden Plattformen erreichbar sind:
Instagram ist für die meisten Praxen die erste Wahl: Die Zielgruppe der 25- bis 55-jährigen Tierhalter ist dort stark vertreten, das Profil funktioniert wie eine zweite Visitenkarte mit Öffnungszeiten, Story-Highlights und Link zur Webseite. Reels sorgen für Reichweite, Stories für Nähe zur bestehenden Community.
TikTok erreicht ein jüngeres Publikum und belohnt authentische, ungeschliffene Videos mit enormer Reichweite – auch für Accounts, die gerade erst starten. Fürs Recruiting ist TikTok kaum zu schlagen: Fast zwei Drittel der österreichischen Jugendlichen nutzen TikTok und Instagram – wer künftige Lehrlinge und Ordinationsassistent:innen erreichen will, findet sie genau dort.
Die gute Nachricht: Man muss sich nicht entscheiden. Kurze Hochformat-Videos funktionieren auf beiden Plattformen, derselbe Clip lässt sich als Reel und als TikTok posten. Sinnvoll ist, mit einer Plattform konsequent zu starten und die zweite später mitzubespielen.
Ehrlich kalkulieren sollte man allerdings den Aufwand: Zwischen Sprechstunde, OP und Notfällen bleibt im Praxisalltag erfahrungsgemäß kaum Zeit, Social Media konsequent selbst zu betreuen – gestartete Accounts schlafen dann nach wenigen Wochen wieder ein.
Wer dauerhaft sichtbar sein will, plant, wenn er nicht die nötigen Ressourcen hat, von Anfang an professionelle Unterstützung ein – von der Strategie über den Videodreh direkt in der Ordination bis zu Schnitt, Posting und rechtssicherer Umsetzung. Das Praxisteam braucht dann nur noch einen regelmäßigen Drehtermin – je nach Umfang einmal im Monat oder alle zwei Monate –, den Rest übernimmt die externe Betreuung.
Was Tierärzte rechtlich beachten müssen
Für Tierärztinnen und Tierärzte gilt auch auf Social Media das Berufsrecht. Das Tierärztegesetz verbietet jede unsachliche, wahrheitswidrige oder irreführende Werbung. Untersagt sind insbesondere:
- standeswidrige Werbung, die dem Ansehen des Berufsstands schadet
- reklamehaftes Herausstellen der eigenen Person oder Leistungen (marktschreierische Selbstanpreisung)
- vergleichende Bezugnahme auf Kolleginnen und Kollegen – auch bei Preisen für Behandlung oder Arzneimittelabgabe
- die Ankündigung verbotener Behandlungsformen
Sachliche Information ist dagegen ausdrücklich erlaubt: über das Leistungsangebot, Qualifikationen, Öffnungszeiten oder Praxisschwerpunkte. Auch humorvolle Einblicke in den Praxisalltag sind kein Problem, solange sie nicht zur Anpreisung werden. Die Grenze verläuft zwischen „Wir zeigen, wie wir arbeiten“ und „Wir sind die Besten“.
Wichtig außerdem: Auch geschäftlich genutzte Social-Media-Profile brauchen ein Impressum – am einfachsten als Link zum Impressum der Praxiswebsite in der Bio.
Heikler Bereich: Arzneimittel und Kooperationen
Besondere Vorsicht gilt bei allem, was mit Arzneimitteln zu tun hat:
- Keine Produktwerbung: Werbung für rezeptpflichtige Arzneimittel gegenüber Laien ist verboten – und die Follower einer Tierarztpraxis sind Laien. Produktnamen besser weglassen und stattdessen über Wirkstoffgruppen oder Behandlungsprinzipien sprechen; die konkrete Empfehlung gehört ins Behandlungszimmer.
- Zurückhaltung bei Kooperationen: Als Tierärztin oder Tierarzt genießt man besonderes Vertrauen – entsprechend streng wird bewertet, wenn dieses Vertrauen für Produktwerbung von Futtermittel- oder Pharmaherstellern eingesetzt wird.
- Werbung kennzeichnen: Bezahlte Partnerschaften und zur Verfügung gestellte Produkte müssen klar als Werbung ausgewiesen werden. Schleichwerbung verstößt gegen das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb – und kostet genau die Glaubwürdigkeit, von der der Account lebt.
Datenschutz: Wer darf ins Bild?
Tiere haben keine Persönlichkeitsrechte – ihre Menschen schon. Daher gilt:
- Einwilligung einholen: Sobald Tierhalterinnen und Tierhalter erkennbar im Bild sind – auch mit Stimme im Hintergrund oder Namen auf der Aufnahme –, braucht es deren Zustimmung. Bewährt hat sich ein kurzes Einwilligungsformular, das beim Termin unterschrieben wird.
- Verschwiegenheit wahren: Über ein Tier samt Behandlungsgeschichte lässt sich oft der Halter identifizieren. Details zu Patienten und deren Besitzern gehören nur mit ausdrücklicher Zustimmung ins Netz.
- Widerruf einplanen: Eine Einwilligung kann jederzeit widerrufen werden. Eine einfache Liste oder ein Vermerk in der Praxissoftware, welcher Beitrag welche Zustimmung braucht, erspart im Ernstfall hektisches Löschen.
- Team respektieren: Niemand sollte, wenn er das nicht möchte, im Reel auftauchen müssen.
Und als Grundregel für alle Zweifelsfälle: lieber nicht posten.
Diese Inhalte funktionieren wirklich
Die gute Nachricht: Die Inhalte, die rechtlich unbedenklich sind, sind meist auch die, die am besten ankommen. Bewährte Formate sind:
- Behind the Scenes: der Blick hinter die Kulissen – vom Morgenkaffee im Team bis zur Vorbereitung des OP-Saals. Nahbarkeit schlägt Hochglanz.
- Aufklärung kompakt: kurze Erklärvideos zu Zeckenschutz, Giftpflanzen, Hitzetipps oder Zahnpflege. Saisonale Themen liefern das ganze Jahr Stoff.
- Mythen-Check: „Dürfen Hunde Hühnerknochen fressen?“ – beliebte Irrtümer richtig stellen, positioniert die Praxis als kompetente Quelle.
- Patientenmomente: der Kater nach der Narkose, der Welpe beim ersten Besuch – mit Einwilligung der Halter die zuverlässigsten Sympathieträger.
- Team-Vorstellungen: Wer steht hinter der Praxis? Das baut Vertrauen auf und wirkt gleichzeitig als Recruiting.
- Fragen aus dem Wartezimmer: häufige Fragen als kurzes Q&A-Video beantworten – ohne dabei Ferndiagnosen zu stellen.
- ein starker Einstieg in den ersten zwei Sekunden
- Untertitel – viele schauen ohne Ton
- Authentizität statt Perfektion
Wiederkehrende Formate erleichtern zudem die Planung und schaffen Wiedererkennung: der „Fall der Woche“, „Frag die Tierärztin“ am Freitag oder ein monatlicher Mythen-Check. Wer Serien etabliert, muss sich nicht jede Woche neu erfinden – und die Community weiß, worauf sie sich freuen kann.
Was besser nicht gepostet wird
Manche Inhalte gehören trotz guter Absicht nicht in den Feed:
- Drastische Bilder: OP- und Verletzungsaufnahmen ohne Warnung, Videos leidender Tiere als „Content“ und alles, was Panik verbreitet statt aufzuklären.
- Ferndiagnosen: Wer in Kommentaren oder Direktnachrichten konkrete Behandlungsempfehlungen für ein Tier gibt, das er nie gesehen hat, begibt sich fachlich wie rechtlich auf dünnes Eis. Die freundliche Standardantwort: „Das sollten wir uns in der Praxis ansehen – ruft uns gerne an.“
- Geschützte Musik: Für geschäftliche Accounts darf nur für kommerzielle Nutzung freigegebene Musik verwendet werden. Instagram und TikTok bieten dafür eigene Musikbibliotheken – die Chart-Hits aus dem privaten Feed sind für Praxis-Accounts tabu. Aber Achtung: Auch abseits dieser Bibliotheken bleibt vieles rechtliche Grauzone, etwa Trend-Sounds oder die Frage, wann ein Beitrag als „kommerziell“ gilt.
Praktische Tipps für den Praxisalltag
Social Media scheitert im Praxisalltag selten am Willen – sondern an Zeit und Know-how. Diese Grundregeln helfen:
- Fixer Rhythmus: Realistischer als tägliches Posten sind zwei bis drei Beiträge pro Woche, geplant in einer kurzen Redaktionsrunde pro Monat. Saisonthemen lassen sich wunderbar vorproduzieren.
- Klare Zuständigkeiten: Wer filmt, wer schneidet, wer beantwortet Kommentare? Oft gibt es im Team ohnehin jemanden mit Freude an der Sache – diese Person sollte dafür auch Arbeitszeit bekommen.
- Dialog statt Litfaßsäule: Kommentare und Nachrichten zeitnah beantworten – Social Media ist ein Gespräch, keine Anschlagtafel.
- Lokal denken: Ortsmarkierung bei jedem Beitrag, regionale Hashtags wie #tierarztwien oder #hundeliebegraz und der Praxisname samt Ort im Profilnamen. Für eine Praxis zählt die Sichtbarkeit im Einzugsgebiet, nicht die weltweite Reichweite.
- Notfall-Hinweis: Ein Hinweis in der Bio samt Notfallnummer, dass der Account keine Notfallberatung ersetzt, gehört zur Grundausstattung.
- Erfolg richtig messen: Follower-Zahlen sind nett, aber nicht das Ziel. Wichtiger: Kommen Neukunden über Instagram? Steigen die Terminanfragen? Melden sich Bewerber auf Team-Videos?
Fazit: Authentisch, sachlich, mit Einwilligung
Instagram und TikTok bieten Tierarztpraxen eine Bühne, die kaum eine andere Branche so geschenkt bekommt: Die Hauptdarsteller haben Fell und erobern die Community im Sekundentakt. Wer die Spielregeln kennt – sachlich statt marktschreierisch, keine Arzneimittelwerbung, Einwilligung vor jedem Post, Werbung kennzeichnen –, bewegt sich dabei auf sicherem Terrain.
Der Rest ist erfreulich einfach: echte Einblicke statt Hochglanz, Aufklärung statt Anpreisung, Regelmäßigkeit statt Strohfeuer. So wird der Praxis-Account zum Vertrauenskanal, der neue Kunden bringt, Sie als Arbeitgeber sichtbar macht – und ganz nebenbei Tieren hilft, bevor sie überhaupt in die Ordination kommen.
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Soll ich Social Media selbst machen oder eine Agentur beauftragen?
Im Praxisalltag bleibt für konsequentes Social Media erfahrungsgemäß kaum Zeit – und halbherzige Accounts schaden mehr, als sie nützen. Eine spezialisierte Agentur übernimmt den kompletten Prozess: Strategie, Videodreh direkt in der Ordination, Schnitt, Planung, Posting und den rechtlichen Feinschliff. Das Team investiert dafür einen fixen Drehtermin – je nach Umfang einmal im Monat oder alle zwei Monate –, bei dem Material für mehrere Wochen entsteht. Authentisch bleibt der Auftritt trotzdem, denn gedreht wird mitten im echten Praxisalltag.
Wie gehe ich mit negativen Kommentaren um?
Ruhig, sachlich und öffentlich sichtbar antworten – das zeigt allen Mitlesenden Professionalität. Beleidigende oder untergriffige Kommentare dürfen gelöscht und die Verfasser blockiert werden.
Soll ich privates Profil und Praxis-Account trennen?
Ja, unbedingt. Der Praxis-Account gehört zur Ordination und sollte auch bei Teamwechsel weiter bestehen – daher immer mit einer Praxis-E-Mail-Adresse anlegen, nicht über das Privatprofil einzelner Mitarbeiter. Die Trennung schützt zudem die Privatsphäre und erspart Diskussionen, wem Follower und Inhalte gehören, wenn jemand die Praxis verlässt.
Lohnt sich bezahlte Werbung auf Instagram oder TikTok?
Für den Start meist nicht nötig – organische Reichweite funktioniert bei Tier-Content ungewöhnlich gut. Sinnvoll können kleine, regional ausgerichtete Kampagnen sein, etwa zur Praxiseröffnung, für Stellenanzeigen oder neue Leistungen.
Ab wann sehe ich erste Ergebnisse?
Geduld gehört dazu: Die ersten Monate dienen dem Aufbau, sichtbare Effekte wie Neukunden, die „über Instagram“ gekommen sind, zeigen sich realistisch nach sechs bis zwölf Monaten konsequenter Arbeit. Einzelne Videos können zwar früh viral gehen, entscheidend für die Praxis ist aber die stetige lokale Sichtbarkeit, nicht der eine Millionen-Klick.


